Gina 17.08.2019

Hot Yoga für müde Manager-Knochen

Yoga bei 39 Grad – wie und warum ein deutscher Top-Berater, passionierter Läufer und Yogamuffel zum Hot Yoga Fan wurde

Sein Tag ist durchgetaktet. Emails vor 7, Meetings und Calls rund um die Uhr, abends Geschäftsessen, dazwischen im Flieger unterwegs in der ganzen Republik. 70 Stunden die Woche, der Job ist sein Leben. Das ist Ralf 1, 63. Die Zeit für Sport schneidet er sich aus den Rippen. Frühmorgens läuft der ehemalige Marathoni, nicht selten 10 km. Sport muss für ihn „weh tun“, muss ihn fordern, den Kopf frei machen. Mit Yoga hat er nichts am Hut. Zumindest nicht bis vor einigen Monaten. Aber Yoga im Warmen hat ihn gereizt. Ein Experiment. Für ihn und für mich als überzeugte „Hot Yogini“.

Montag, 7.30 Uhr, Einzelunterricht. „Ich bin ungelenkig“ und „ich mach das nur weiter, wenn ich Fortschritte sehe…“, so sein Eingangsstatement. In der Tat haben Jahrzehnte langes Laufen, viel Sitzen und wenig Dehnen ihre typischen Spuren hinterlassen, in Form verkürzter hinterer Beinmuskulatur und die Hüften steif. Die Schultern sind erstaunlich flexibel. Im Raum sind 28 Grad, in den nächsten Stunde wird die Temperatur noch einige Grad steigen. Wir gehen es langsam an. Erst aufwärmen, Arm kreisen, Schultern lockern, Becken etc…Die Hürde mit den Armen hat er gut genommen, der erste Einbeinstand zum Kreisen der Fußgelenke hat seine Tücken. Gleichgewicht! Standbein stabil machen, Bauch anspannen, Fixpunkt im Spiegel…meine Schulter dient gerne als „Stützpunkt“. Es folgt Pranayama – Tiefatmung in der entschärften Variante. „Ein bisschen schwindelig“, sagt er. Ja, gut so. Es wirkt. Erste Haltung: Halbmond. „Ich spüre nichts, da dehnt nichts in der Seite“. Wir proben eine andere Variante, jetzt geht es! Leichte Rückwärtsbeuge, dann ab nach unten in die Vorwärtsbeuge („da wird mir immer schwindelig“). Im Raum sind nun über 30 Grad, Schweiß glänzt auf unserer Stirn. Ich nehme Tempo raus, lass‘ ihn atmen. Ruhig, durch die Nase. In diesem Modus zwischen Anspannen, Entspannen und immer wieder ruhigen Atemphasen arbeiten wir uns durch den ganzen Körper. Schultern, Arme, Becken, Beine, Rücken (!), Hüften und, und, und… Entschädigen Muskeln und Gelenke für die typisch einseitigen Belastungen durch Sport und vieles Sitzen. Die Positionen, die Ralf auf Anhieb nicht so sympathisch sind, bauen wir langsam auf. Behelfen uns – was im Hot Yoga eigentlich nicht vorgehsehen ist – mit Yogablöcken oder Kissen. Oder tricksen den Körper auch mal aus, bspw. starten wir die Balancehaltungen auf der Seite, die leichter geht. Nach fünf Coaching-Stunden sind erste Fortschritte sichtbar: „Hast Du das gesehen, das kann ich jetzt“. Schön, ich freue mich mit meinem Schüler. Freue mich, weil er Stunde für Stunde, sowohl die stehenden Haltungen als auch die liegenden Positionen korrekter ausführen kann, tiefer in die Dehnung kommt und mehr Nutzen aus „seinem Yoga“ ziehen kann. Der Ehrgeiz am Anfang ist einer achtsamen Konzentration gewichen. Die Geschwindigkeit seines Lebens löst sich in den Entspannungsphasen zunehmend auf. Eine Metamorphose durch Yoga, wie ich selbst in meinen 20 Jahren in Führungspositionen der Wirtschaft kenne.
Zurück zu Ralf. Er hat sich jetzt fest eingebucht, jede Woche 2 Mal Yoga muss sein. Zusätzlich zum Laufen. Im Gegensatz dazu ist er aber nach dem Yoga nicht kaputt ist, sondern „die Treppen zu seiner Altbauwohnung im 4. Stock „hinauffliegt“. Weil er den Fortschritt merkt, und seine „alten Knochen“ ja doch noch „ganz schön gelenkig und flexibel sein können“. Ziel erreicht: Yoga soll in erster Linie guttun, Körper und Geist stärken, neue Energie verleihen und im Alltag gelassener und entspannter machen. Es geht dabei nicht um irgendwelche spektakulären Verrenkungen, es geht immer um einen selbst. Egal wie gelenkig, alt oder sportlich man ist. Jeder kann achtsam an seine Grenzen gehen und sanft daran arbeiten. Die Wärme beim Hot Yoga macht das leichter, fordert aber den Körper. Und belohnt gleichzeitig mit dem besonderen Sauna-Detox-Effekt und Wohlfühlgefühl. Vermutlich hat dieses Harmonieren von Körper und Geist Ralf veranlasst, mir nach seiner ersten Stunde zu simsen: „Ich schwebe durch den Raum, mein ganzer Körper fühlt sich wunderbar an“. Danke, dass ich dazu beitragen durfte!

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